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Krankheitsverlauf(m)
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Verlauf von Krankheiten

 

Funktionell morphologische Krankheitscharakterisierung und Diagnostik

Ein lebender Organismus zeichnet sich durch eine über einen längeren Zeitraum konstante Zeiteinbettung von räumlichen Objekten (Moleküle, Organellen, Zellkerne, Zellen, etc.) mit intensivem Informationsaustausch untereinander aus. Für praktische Belange ist es sinnvoll, hierbei die Objekte, die überwiegend gleich bleibenden räumlichen Bewegungen (Funktionen) entsprechen von den räumlich konstant liegenden Objekten (Strukturen) zu unterscheiden. Das geordnete Ineinandergreifen von Funktion und Struktur ist die wesentliche Voraussetzung von Leben. Eine Struktur ohne zugehörige Funktion ist eine „Leiche“, d. h. ein toter, ehemals lebendiger Organismus. Eine Funktion ohne zugrunde liegende Struktur ist in der realen Welt nicht existent und könnte analog der Märchenwelt als „Geist“ beschrieben werden.

Funktionen können elektromagnetischer und biochemischer Natur sein. Sie dienen der Informationsübertragung zwischen den Strukturen und müssen somit mit einer „Information -sendenden“ und einer „Information - empfangenden“ Struktur verbunden sein. Diese „Sender“ und „Empfänger“ können mit geeigneten Färbemethoden an „Ort und Stelle“ dargestellt werden, überwiegend im Rahmen von Makromolekülbindungen (Immunhistochemie, so genannte funktionelle Färbemethoden).

Strukturen werden in der diagnostischen Pathologie nahezu ausschließlich zweidimensional analysiert und klassifiziert. Als Grundlage dient die Lichtmikroskopie. Sie erlaubt unter Verwendung geeigneter Anfärbungen (Hämatoxilin/Eosin (HE) und anderer Farbstoffe) die Darstellung von Zellen, Zellkernen und amorphen Ablagerungen wie Kollagen, Kalk oder Proteinkomplexen. Voraussetzung ist die Identifizierung (Segmentierung) von Objekten und ihrer räumlichen Zuordnung (Struktur).

Ein Genotyp beinhaltet die einer Krankheit zugrunde liegenden Gensequenzen in der Erbsubstanz (DNA) einer Zelle. Die Zusammenhänge zwischen Genotyp und Phänotyp sind noch weitgehend unbekannt. Wegen der zahlreichen Rückkopplungsmechanismen ist nicht oder nur in Ausnahmefällen mit einem einfachen und kausal bedingten Expressionsmuster zu rechnen.

Als Phänotyp wird das morphologische Erscheinungsbild einer Krankheit bezeichnet, der sich auf die Eigenschaften der zugrunde liegenden Objekte und Strukturen bezieht. Er ist die klassische Grundlage einer jeden (histomorphologischen) Diagnose.

Eine pathologische (histomorphologische) Diagnose beruht auf der Klassifizierung von Phänotyp und Genotyp unter Berücksichtigung von zusätzlichen (klinischen) Daten wie z. B. Alter und Geschlecht des Patienten und den Ergebnissen weiterer Untersuchungen. Eine pathologische Diagnose ist nicht nur eine Klassifizierung des augenblicklichen Krankheitsgeschehens, sondern beinhaltet gleichzeitig eine „Handlungsanweisung“ an den klinisch tätigen Arzt. Entsprechend der neuen Untersuchungstechniken und vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten kann sie wie folgt unterteilt werden (Tab. 1).

Tab. 1: Pathologische (histomorphologische) Diagnose

Diagnoseart

Technik

Spezialuntersuchung

Beispiel

klassisch

Strukturell, Phänotyp

Je nach Krankheit

Tuberkulose

prognostisch

Funktionell, Phänotyp, Genotyp

z. B. Tumor Marker

Solider Krebs

Therapie Ansprechen

Funktionell, Phänotyp

Apoptose, Nekrose

Solider Krebs, Lymphom

Krankheitsrisiko

Genotyp

Fingerprints, DNA array

Brustkrebs, Darmkrebs

Umwelteinfluss

Genotyp, Umwelt

Fingerprints, tissue micro-array (TMA), Asbestanalyse

Feinstaub - Asthma

 

Verlaufsformen von Krankheiten

Der Ausbruch und die Entwicklung von Krankheiten kann in einem „Zeit – Intensität“ Koordinatensystem dargestellt werden (Abb. 1). Krankheiten können einerseits schnell oder gar plötzlich auftreten (akute Form,) andererseits sich langsam, schleichend, oft lange unbemerkt entwickeln und einen mehr oder minder langen Verlauf haben, der oft erst mit dem Tod endet oder diesen sogar vorzeitig herbeiführt (chronische Form). Zusätzlich können sie den Patienten schwer beeinträchtigen (hohe Intensität) oder nur gering belästigen (geringe Intensität). Die Schnelligkeit eines Krankheitsausbruchs ist unter anderem abhängig vom Alter des Patienten (Kinder neigen zu akuten, Erwachsene eher zu langsameren Verläufen), die Intensität häufig von der Anzahl der Krankheitserreger.

Abb. 1: Verlaufsformen von Krankheiten.
a) Akute Erkrankung;
b) Chronische Erkrankung;
c) Akute Erkrankun-g mit Übergang in die chronische Verlaufsform;
d) Chronische Erkrankung mit Exazerbation (E) und Remission (R) als vorübergehende Verschlimmerung oder Besserung des chronischen Krankheitsbildes.

S Schwere des Krankheitsbildes, zunehmende Symptomatik;
t Zeit;
+ Tod; die Schwelle bezeichnet das Auftreten des subjektiven Krankheitsgefühls.

 

Die Morphologie dieser beiden Grunderscheinungsformen ist geprägt von zwei Faktoren: a) der Ausdehnung der Erkrankung in dem betroffenen Organ bzw. Organen und b) der Intensität der immunreaktiven Wechselwirkung vor Ort. Zwischen diesen beiden Grundformen gibt es Übergänge: Einerseits können sich akute Erkrankungen ohne abzuheilen direkt in einer chronischen Form fortsetzen, andererseits kann ein chronischer Krankheitsverlauf sich auf einem einigermaßen gleichmäßigen Niveau bewegen, sich langsam und kontinuierlich verschlimmern, oder von einzelnen Exacerbationen (Ausbrüchen, Steigerungen) und Remissionen (Besserungen) unterbrochen werden. Das Erscheinungsbild der Exacerbationen und Remissionen und deren zeitliche Abstände können in einzelnen Fällen krankheitstypisch sein (Abb. 1).

Ausgang von Krankheiten

Ein Krankheitsverlauf kann in einer Heilung (Sanatio), oder in einem chronischen Krankheitszustand (Leiden) mit oder ohne Todesfolge enden (Abb. 2).

Abb. 2: Ausgang von Krankheiten

 

Heilung. Nach dem Ablauf der Krankheit ist der ursprüngliche Gesundheitszustand wiederhergestellt. Auf das betroffene Organ bezogen kann eine vollständige Wiederherstellung der Gesundheitszustände funktionell und morphologisch (Restitutio ad integrum) oder nur funktionell mit noch morphologisch sichtbaren Defekten (Defektheilung) erfolgen. Krankheitsdauer und Krankheitsintensität beeinflussen positiv die Häufigkeit einer Defektheilung. In den meisten Fällen bleibt irgend ein Defekt zurück, der zumindest den Genotyp, häufig auch den Phänotyp betrifft.. Diese Defekte behindern zumeist den Patienten nicht weiter und beeinflussen sein weiteres Schicksal nicht entscheidend (z. B. Hautnarbe, Fehlen eines Zehengliedes). Sie können aber (bei entsprechender genetischer und/oder struktureller Konstellation) die Entstehung von schweren Folgeerkrankungen wie Krebs (Narbenkrebs in der Lunge), Allergien, oder Ansiedlung von infektiösen Erregern sein.

Die Heilung kann als endgültig, oder nur für einen bestimmten Zeitabschnitt (z. B. 5-Jahres- Heilung) definiert werden. Die 5-Jahres-Heilung ist ein Begriff, der in der Therapie bösartiger (maligner) Tumoren verwendet wird: Definitionsgemäß gilt ein Krebspatient als geheilt, wenn er nach Therapie seines Krebsleidens einen Zeitabschnitt von 5 Jahren oder mehr ohne krankheitsbedingte Symptome überlebt hat. Diese Definition ist aber nicht mit einer realen vollständigen Heilung gleichzusetzen, da nach der „5-Jahres Überlebensrate“ zwar das Risiko einer erneuten Krebsmanifestation deutlich herabsetzt, jedoch nicht vollständig ausgeschlossen ist, und der „ruhende Krebs“ auch nach diesem Zeitraum sich jederzeit wieder manifestieren kann (so genannte Spätmetastasen, z. B. bei Brustkrebs).

Ein Rezidiv liegt vor, wenn die gleiche Krankheit nach einem zeitlichen –krankheitsfreiem- Intervall erneut auftritt. Dies kann allgemein oder an gleicher Stelle (Lokalrezidiv) erfolgen. Dabei war häufig die eigentliche Krankheitsursache nicht beseitigt. In einigen Fällen hat sich der Patient erneut, unter Umständen zufällig „exponiert“ und die Krankheit war bereits völlig abgeheilt. Es gibt Krankheiten, die durch häufige Rezidive charakterisiert sind (z. B. Allergien).

Leiden. Ein krankhaftes Geschehen kann zu einem irreparablen Defekt führen, der ein Leiden (griech.: pathos, lat.: vitium) zur Folge hat. Voraussetzung für das Leiden ist ein schwerwiegender Defekt, welcher die Kompensationsbreite des Organismus bei Störungen zwar einschränkt, vom Organismus aber häufig über längere Zeit kompensiert werden kann. Beispiele: Eine Herzinfarktnarbe hat eine dauernde Verschlechterung der Herzleistung zur Folge; eine schwere Nierenentzündung ist zwar abgeheilt, hat aber zu Ausscheidungsstörungen und zur Niereninsuffizienz geführt; eine rheumatische Endokarditis führt später zu einem erworbenen Herzfehler (Klappeninsuffizienz) und damit zum frühen Tod des Patienten.

Schließlich ist noch der Tod als möglicher Krankheitsausgang zu nennen (siehe nächster Abschnitt).

Quelle

Sinowatz F, Kayser K, Donath K, Hees H. Allgemeine und spezielle Pathologie (4. ed.). Berlin: Veterinärspiegel Verlag, 2009

Kategorie⇨ Basiswissen
Hauptautor(en)Redaktion schaefermueller publ.
Redaktionelle BearbeitungRedaktion schaefermueller publ.
Zuletzt bearbeitet2019-08-30 18:19:44 von Redaktion schaefermueller publ.
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