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Euthanasie(f)
Definition(aus dem Griechischen: "eu"= wohl, gut, schön und „thanatos“= Tod). Die Euthanasie beschreibt in der Tiermedizin die schmerzfreie Tötung von Tieren. Diese ist durch das Tierschutzgesetz geregelt und darf nur im Falle eines vernünftigen Grunds (§6 TSchG) erfolgen (z. B. in Falle von Erkrankungen mit infauster Prognose oder langwierigen und schmerzhafte Therapien), um dem Tier unnötiges Leid zu ersparen.
Details

 

Euthanasie - Aspekte der tierärztlichen Sterbehilfe

--> siehe Originalbuch: Tanja Hoff, Oliver N. Buck-Werner, Anton Fürst, (Hrsg.), Tierärztliche Sterbehilfe 

Co-Autoren: Johann S. Ach, Reinhild Bergler, Wolfgang Löscher, Michael Panek, Thekla Vennebusch 

 

1   Ethische Aspekte der Sterbehilfe bei Tieren
2   Rechtliche Gesichtspunkte der Euthanasie
3   Tötung von Tieren und Compliance
4   Pharmakologie
5   Psychologische Betreuung von Menschen mit verstorbenen Heimtieren in der tierärztlichen Praxis
6   Euthanasie bei Klein- und Heimtiere
7   Diagnose und Argumentationsaufbau, Entscheidungshilfen
8   Euthanasie des Pferdes
9  Tierkörperbeseitigung, Einäscherung, Beerdigung -Wichtige Fakten und praktische Tipps

 

1 Ethische Aspekte der Sterbehilfe bei Tieren

Johann S. Ach

Über die Frage, aus welchen Gründen Tiere getötet werden dürfen, gehen die Auffassungen – auch unter professionellen Ethikerinnen und Ethikern – weit auseinander. Zwar wird kaum jemand bestreiten, dass man ein Tier töten darf, von dem man unmittelbar bedroht wird. Notwehr-Situationen sind allerdings glücklicherweise eher selten. Ungleich mehr Tiere werden von Menschen getötet, weil sie zum Zwecke der Nahrungsmittelgewinnung geschlachtet, im Rahmen von Experimenten „verbraucht“, im Zuge von Maßnahmen der sog. Schädlingsbekämpfung „vernichtet“, aus Gründen des Gesundheitsschutzes bzw. der Seuchenabwehr „beseitigt“ oder im Rahmen waidmännischen Handelns „erlegt“ werden. Ob es sich auch bei diesen (und weiteren) Gründen ebenfalls um Gründe handelt, die eine Tötung von Tieren rechtfertigen können, ist hochgradig umstritten und Gegenstand anhaltender ethischer Kontroversen. Ebenfalls kontrovers diskutiert wird die Art und Weise, in der die Tötung eines Tiers erfolgen muss. Einigkeit besteht allenfalls darüber, dass Tieren bei der Tötung nicht mehr als „unvermeidbare“ Schmerzen zugefügt werden dürfen – eine Forderung, die sich im Übrigen auch im deutschen Tierschutzgesetz findet. Aber selbst diese Forderung gilt nicht ausnahmslos, wie die Beispiele des Schächtens von Tieren aus rituellen Gründen oder die Nutzung von Tieren im Rahmen von Tierexperimenten zeigen. Beides wird von machen als ethisch akzeptabel angesehen werden und es wird durchaus billigend in Kauf genommen, dass die Tiere unter der Behandlung leiden. Im vorliegenden Beitrag geht es allerdings weniger um diese allgemeinen Fragen. Im Vordergrund steht vielmehr ein Teilbereich des Themas Töten von Tieren: die Sterbehilfe an Tieren, und damit ein Thema, das zu den schwierigsten Themen in der Veterinärmedizin gehört.

In den angelsächsischen Ländern spricht man in diesem Zusammenhang – analog zur Diskussion über die Sterbehilfe beim Menschen – von Euthanasie an Tieren (euthanasia in animals). Dieser Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „guter, leichter, schöner Tod“. Der Begriff der Euthanasie bezeichnet also einen Tod ohne vermeidbare Schmerzen oder Leiden und ohne unnötigen Stress oder unnötige Angst. Wenn wir den Ausdruck heute verwenden, meinen wir in der Regel jedoch nicht die Art des Zu-Tode-Kommens eines Menschen oder Tieres; wir wollen, wenn wir eine Tötungs-Handlung als eine Euthanasie-Handlung bezeichnen, damit vielmehr zum Ausdruck bringen, dass der Tod für das betroffene Lebewesen ein „Gut“ ist. Euthanasie-Handlungen sind also Handlungsakte, bei denen „der Tod herbeigeführt oder sonst für den Tod entschieden wird zugunsten dessen, der sterben soll.“[1] Damit die Tötung eines Tieres zurecht als Euthanasie bzw. als ein Akt von Sterbehilfe bezeichnet werden kann, reicht es also nicht aus, dass die Tötungshandlung auf eine bestimmte Art und Weise ausgeführt wird[2]; erforderlich ist darüber hinaus, dass die die Tötungshandlung vollziehende Person (berechtigterweise) der Auffassung ist, dass die Tötung im besten Interesse des zu tötenden Lebewesens liegt.[3] Differenziert man, wie in der Euthanasie-Diskussion beim Menschen üblich, zwischen freiwilliger (Tötung des Betroffenen auf sein Verlangen hin) und nicht-freiwilliger Euthanasie (Tötung eines Wesens, das die Fähigkeit, das Entscheidungsproblem zu verstehen, noch nicht, nicht mehr oder überhaupt nicht besitzt), dann wird man im Falle nicht-menschlicher Lebewesen grundsätzlich von einer nicht-freiwilligen Euthanasie ausgehen müssen. Unabhängig von solchen Differenzierungen aber ist entscheidend, dass, legt man das angedeutete Verständnis von Euthanasie zugrunde, Euthanasie- bzw. Sterbehilfe-Handlungen ausschließlich aus der Binnenperspektive der betroffenen Lebewesen heraus gerechtfertigt werden können.

Vor diesem Hintergrund lassen sich in Form einer kleinen Kasuistik verschiedene Fälle unterscheiden, bei denen zu diskutieren ist, ob sie als Euthanasiehandlungen bezeichnet und als solche gerechtfertigt werden können:

Der erste, und zugleich der am wenigsten kontroverse, Fall betrifft die Tötung von Tieren, die sich in einem Zustand schweren, nicht behebbaren physischen oder psychischen Leidens befinden. Dies mag zum Beispiel bei verletzten, erkrankten oder solchen Tieren der Fall sein, die aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters und damit verbundenen Belastungen in einer Weise leiden, die ihnen das Weiterleben zur Qual machen, ohne dass Hoffnung auf Besserung besteht. In diesem Fall scheint die Unterstellung berechtigt, dass das Tier, könnte es das Entscheidungsproblem verstehen, den Tod einem qualvollen Weiterleben vorziehen würde. Wer einem Tier in dieser Situation den „Gnadentod“ gewährt, handelt daher nicht nur zu dessen eigenem Besten, sondern – zumindest in einem bestimmten Sinne – auch in Übereinstimmung mit den Wünschen oder Interessen des betroffenen Tieres.[4]

Der zweite Fall betrifft gesunde Tiere, die deshalb getötet werden sollen, weil sie von ihren Besitzern nicht mehr gewollt sind. Man denke hier zum Beispiel an das lästig gewordene Heim- oder an das nutzlos gewordene Nutztier. Manche Autorinnen und Autoren vertreten die Auffassung, dass man auch im Falle der Tötung eines solchen unerwünschten Tieres von Euthanasie sprechen könne. Und zwar deshalb, weil ein schmerzfreier Tod den Alternativen, die das Tier ansonsten womöglich zu erwarten hätte, allemal vorzuziehen sei. Angesichts der Aussicht, dass das Tier im Stich gelassen, der Verwahrlosung preisgegeben, an der nächst besten Autobahnraststätte ausgesetzt oder anderweitig „entsorgt“ wird, kann es tatsächlich so scheinen, dass die schmerzfreie Tötung in seinem eigenen Interesse liege und seine Tötung daher einen Akt der Sterbehilfe darstelle. Um zu sehen, warum dieses Argument wenig überzeugend ist, stelle man sich aber vor, bei dem unerwünschten Lebewesen handele es sich nicht um ein Tier, sagen wir: einen Hund, sondern um ein Kleinkind. Selbstverständlich würden wir die Tötung dieses Kindes aufgrund seiner schlechten Lebensaussichten nicht als Euthanasie und schon gar nicht als moralisch akzeptabel ansehen. Vielmehr würden wir es, sofern wir dazu in der Lage sind, für unsere moralische Pflicht halten, die Lebensbedingungen des Kindes in einer Weise zu verbessern, dass es ein zumindest einigermaßen zufriedenstellendes Leben führen kann. Ich kann keinen[5] Grund erkennen, warum wir dieselbe Schlussfolgerung nicht auch im Falle von unerwünschten nicht-menschlichen Lebewesen ziehen sollten. Die Klausel „sofern wir dazu in der Lage sind“ ist für den vorliegenden Zusammenhang freilich von einiger Bedeutung, stellte es doch zweifellos eine unzumutbare Überforderung für den einzelnen Tierarzt/ die einzelne Tierärztin dar, wollte man ihm oder ihr abfordern, für die Rettung und Erhaltung jedes einzelnen der betroffenen Tiere persönlich Sorge zu tragen. Ich werde auf diese Frage zurückkommen.

Ähnliches gilt auch für den dritten Fall, der im vorliegenden Zusammenhang relevant ist: die Tötung eines gesunden, aber als „gefährlich“ eingeschätzten Tieres. Man denke als Beispiel etwa an den Hund, der ein kleines Kind angefallen und gebissen hat. In diesem Fall kann, wie sich wiederum an einem Beispiel aus dem menschlichen Bereich zeigen lässt, aber noch aus einem anderen Grund von einer Sterbehilfe-Handlung bzw. einem Akt der Euthanasie keine Rede sein. Wir werden den Mörder eines Kindes zwar verurteilen und ihn, falls Wiederholungsgefahr besteht, in Sicherheitsverwahrung nehmen. Manche werden sogar die Todesstrafe in solchen Fällen für gerechtfertigt halten. All dies aber geschieht im Wesentlichen mit der Absicht, die Gemeinschaft vor weiteren Handlungen dieser Art zu schützen.[6] Man würde den Sinn der Todesstrafe, was auch immer man sonst dazu denken mag, missverstehen, würde man sie als eine Handlung verstehen, die zum Besten und im Interesse des Verurteilten erfolgt.[7] Analog muss auch für die Tötung von sog. gefährlichen Tieren gelten, dass sie zumindest nicht als Sterbehilfe bezeichnet und auch nicht als solche gerechtfertigt werden kann.

Ein weiterer, vierter Fall, den wir an dieser Stelle untersuchen müssen, betrifft die Tötung von Versuchstieren.[8] Dabei geht es im vorliegenden Zusammenhang zunächst nicht um die Frage, ob die Tötung von Versuchstieren im Rahmen eines Tierexperiments grundsätzlich zulässig ist, sondern um das spezifischere Problem des Umgangs mit Versuchstieren nach Beendigung des Versuchs. Das deutsche Tierschutzgesetz bestimmt dazu in § 9, dass „nach Abschluss eines Tierversuchs... jeder verwendete und überlebende Affe, Halbaffe, Einhufer, Paarhufer, Hund, Hamster sowie jede verwendete überlebende Katze und jedes verwendete Kaninchen und Meerschweinchen unverzüglich einem Tierarzt zur Untersuchung vorzustellen“ sei. Und weiter: „Kann das Tier nach dem Urteil des Tierarztes nur unter Schmerzen oder Leiden weiterleben, so muss es unverzüglich schmerzlos getötet werden.“ Für andere Tiere gelten ähnliche Vorschriften. Handelt es sich im Falle solcher gesetzlich vorgeschriebener Tötungshandlungen um Sterbehilfe? Dies scheint zunächst deshalb nicht unplausibel, weil den betroffenen Tieren auf diese Weise ein qualvolles Weiterexistieren erspart wird. Ich denke dennoch, dass man auch in diesem Fall nicht von Sterbehilfe sprechen kann. Der Grund dafür ist der folgende: Die Tötung des Versuchstiers als Sterbehilfe-Handlung zu bezeichnen setzt voraus, dass es sich beim Versuch einerseits und der Tötung andererseits um zwei eigenständige, voneinander abtrennbare Handlungen handelt. Das scheint mir aber eine wenig plausible Beschreibung zu sein. Plausibler scheint es mir zu sein, die im Anschluss an den Versuch erfolgende Tötung als Teilhandlung der Gesamthandlung „Tierversuch“ zu beschreiben. Wenn die Tötung überhaupt gerechtfertigt werden kann, dann allenfalls mit Hinweis auf das Versuchsziel, um dessentwillen sie zumindest in Kauf genommen wird, und nicht unter Rekurs auf die Interessen des betroffenen Tieres.

Ein letzter, fünfter Fall, der hier angesprochen werden soll, betrifft die Tötung von Tieren, die aufgrund einer vorhandenen Überpopulation getötet werden sollen.[9] Lässt sich ihre Tötung als Euthanasie rechtfertigen? Ein Argument dafür, auch im Falle der Tötung von Tieren mit dem Ziel der Verhinderung oder Verringerung von Überpopulationen von Sterbehilfe zu sprechen, könnte in etwa folgendermaßen aussehen: „In der freien Natur wird eine Tierart gewöhnlich durch die anderen reguliert. Kommt es zu einer Überpopulation, weil natürliche Feinde fehlen, muss sich die Art durch Krankheiten und Verhungern selbst regulieren. Tiere verhungern zu lassen gilt vom menschlichen Empfinden her als besonders grausame Quälerei.“ – der Dachverband der Oberösterreichischen Tierschutzorganisationen, von dem diese Feststellung stammt[10], spricht in diesem Zusammenhang zwar nicht ausdrücklich von Euthanasie; die zitierten Formulierungen kommen dem aber zumindest sehr nahe. Im Falle der Verringerung einer Überpopulation hätten wir es entsprechend mit einer Art von Sterbehilfe zu tun; bei der Verhinderung von Überpopulationen (etwa durch Bejagung) mit einer Art von „präventiver Euthanasie“, bei der die getöteten Tiere mit den Tieren, denen die Qual (durch Verhungern etc.) erspart werden soll, noch nicht einmal identisch wären. Mir scheint, dass man auch in diesen Fällen nicht von Sterbehilfe sprechen kann. Zum einen, weil auch hier wieder das Risiko des Entstehens von Überpopulationen anthropogen ist und den für die Tiere mit einer Überpopulation verbundenen negativen Folgen auch durch schonendere Maßnahmen als die Tötung begegnet werden kann; zum anderen aber auch deshalb, weil eine Tötungshandlung nur dann als Sterbehilfe-Handlung bezeichnet werden kann, wenn sie im besten Interesse des jeweiligen betroffenen Individuums selbst liegt. Eine „präventive Euthanasie“ im angedeuteten Sinne kann es daher nicht geben.

Als Fazit dieser kurzen Diskussion lässt sich festhalten, dass es sich nur bei den allerwenigsten Tötungshandlungen, die an Tieren durchgeführt werden, tatsächlich um Akte von Sterbehilfe bzw. von Euthanasie handelt. In den meisten Fällen verdankt sich die Tötung des Tieres anderen Gründen als dem, die Interessen des betroffenen Tiers zur Geltung zu bringen. Und auch der Umstand, dass die Tötung auf schmerzlose Weise geschieht, macht die Tötungshandlung, wie gesehen, noch nicht zu einem Akt der Sterbehilfe.

Aus alledem folgt nun freilich nicht, dass es nicht gute Gründe geben könnte, die eine (schmerzlose) Tötung von Tieren rechtfertigen. Welche Gründe dafür in Frage kommen, hängt nicht zuletzt auch davon ab, um welche Tiere es geht. Manche Tierethiker vertreten die Auffassung, dass sich ein Tötungsverbot nur im Hinblick auf solche Tiere formulieren und begründen lasse, die über Selbstbewusstsein bzw. über zukunftsgerichtete Interessen verfügen; andere vertreten demgegenüber die Position, dass auch die Tötung eines empfindungsfähigen Lebewesens, ja, möglicherweise sogar Tötung eines Lebewesens überhaupt rechtfertigungspflichtig sei.[11] Ich selbst halte in dieser Frage ein, wie man vielleicht sagen könnte: gradualistisches Argument für zielführend. Die Tötung von empfindungsfähigen Lebewesen ist diesem Argument zufolge, das ich an dieser Stelle freilich nicht ausführlicher darlegen kann[12], auch dann moralisch falsch, wenn die Tötung schmerzfrei erfolgt und Dritte nicht betroffen sind. Der jeweilige Grad des Unrechts, das man einem empfindungsfähigen Lebewesen durch seine Tötung zufügt, hängt diesem Argument zufolge davon ab, über welche Interessen das fragliche Wesen verfügt und damit von seinen jeweiligen Eigenschaften und Fähigkeiten. Die Tötung eines empfindungsfähigen Tieres ist daher immer eine Handlung, die besonderer rechtfertigender Gründe bedarf. Dabei nimmt das Gewicht, das diese rechtfertigenden Gründe besitzen müssen, relativ zu den Fähigkeiten und Eigenschaften des Lebewesens, das getötet werden soll, zu. Was dies im Einzelnen, etwa im Hinblick auf die angesprochenen Fallsituationen, bedeutet, muss an dieser Stelle offen bleiben.[13]

Die Einsicht, dass Tiere ohne das Vorliegen eines besonderen rechtfertigenden Grundes nicht getötet werden dürfen, wird Tierärztinnen und Tierärzte im Alltag freilich häufig nicht davor bewahren, in schwer auflösbare ethische Dilemma-Situationen zu geraten. Ich komme damit im letzten Abschnitt noch einmal auf die Frage der individuellen ethischen Verantwortung der Tierärztin bzw. des Tierarztes zurück. Dies scheint mir vor allem dann der Fall zu sein, wenn sie in Situationen um die Tötung eines Tiers gebeten werden, in denen diese Forderung zwar einerseits nachvollziehbar scheint, weil sie dem betroffenen Tier tatsächlich ein qualvolles Weiterleben erspart, in denen das Tier andererseits aber durch menschliches Handeln erst in die Notsituation gebracht worden ist, die jetzt eine Tötung rechtfertigen soll, bzw. in denen die (vermeintliche) Notsituation auch auf andere, wenngleich aufwändigere (und teurere) Weise abgewendet werden könnte. Machen sich Tierärztinnen und Tierärzte zu „Komplizen“ einer unmoralischen Handlung, wenn sie der Forderung nach einer (schmerzfreien) Tötung in solchen Situationen nachgeben?[14] Macht sich der Tierarzt, der ein Versuchstier nach Beendigung des Experiments tötet, zum Komplizen des Experimentators? Oder macht sich eine Tierärztin moralischer Komplizität schuldig, wenn sie der Bitte eines Haustier-Besitzers nachkommt, ein gefährliches oder nicht länger erwünschtes Haustier, für das sie nicht länger Sorgen tragen möchte, einzuschläfern? Dieser Vorwurf ist jedenfalls nicht ganz von der Hand zu weisen, besteht doch die realistische Aussicht, dass der Tierarzt, in dem er der Bitte Folge leistet, zu einer Perpetuierung moralisch zumindest fragwürdiger Bedingungen beiträgt.

Mir scheint, dass diesem Vorwurf nur dadurch entgegengewirkt werden kann, dass sich Tierärztinnen und Tierärzte zur Einhaltung einer Reihe von ethischen Mindestanforderungen verpflichten:

  • Der Tierarzt überzeugt sich, dass die Tötungshandlung tatsächlich erforderlich ist, um dem Tier ein qualvolles Weiterleben zu ersparen.
  • Der Tierarzt versichert sich vor Ausführung der Tötungshandlung, dass keine realistische Alternative zur Tötung besteht.
  • Der Tierarzt nimmt die Tötungshandlung mit der Absicht vor, dem Tier Leiden und Schmerzen zu ersparen.
  • Der Tierarzt stellt sicher, dass die Tötung des Tieres ohne vermeidbare Schmerzen oder Leiden und ohne unnötigen Stress oder unnötige Angst geschieht.
  • Der Tierarzt bringt dem zu tötenden Tier den diesem gebührenden moralischen Respekt entgegen.
  • Der Tierarzt trägt durch Aufklärung und prophylaktische Maßnahmen dazu bei, dass solche Tötungen möglichst nicht erforderlich werden.
  • Der Tierarzt bemüht sich um eine kompetente Betreuung der Halterinnen oder Halter
  •  

2 Rechtliche Gesichtspunkte der Euthanasie

Michael Panek

2.1  Einleitung

„Frau Dr./Herr Dr., ich möchte Sie bitten, mein Tier einzuschläfern“ - mit diesem Verlangen sieht sich die praktizierende Tierärztin und der praktizierende Tierarzt im Rahmen der täglichen Praxisarbeit – leider nur allzu oft – konfrontiert. Doch kann diesem Verlangen ohne weiteres nachgegeben werden? Die klare Antwort hierauf lautet „nein“, denn es handelt sich hierbei zwar auch um eine Gewissens–, vielmehr aber noch um eine juristische Frage.

Unter Verwendung eines sog. „unbestimmten Rechtsbegriffs“ wird u.a. die Zulässigkeit der Euthanasie eines Tieres – wobei eine Unterscheidung zwischen Haus- und Nutztier nicht getroffen wird – durch § 17 Ziffer 1 des Tierschutzgesetzes (TSchG) beantwortet: „Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer … ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet …“ Diese Strafvorschrift ist in einem engen Zusammenhang zu sehen mit § 1 Satz 2 TSchG („Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“).

Die Zulässigkeit des Tötens und damit auch einer Euthanasie durch den Tierarzt lässt sich daher letztendlich nur aus einer Folgerung im Umkehrschluss ziehen: Zulässig ist die Euthanasie eines Haus- oder Heimtieres dann, wenn für diese ein vernünftiger Grund vorliegt. Was aber ist unter einem vernünftigen Grund“ zu verstehen?

Das Tierschutzgesetz selbst enthält trotz seiner insgesamt 21 (teilweise sehr ausführlichen) Vorschriften keine nähere Definition dieses Begriffs, vielleicht aus dem Grunde, dass der vernünftige Grund eher unter tierschutzethischen als unter rechtlichen Gesichtspunkten zu beschreiben ist. Dies mag Anlass dafür sein, dass es der Gesetzgeber der einschlägigen Literatur überlassen hat, den „vernünftigen Grund“ näher zu bestimmen. „Vernünftig“ – so Lorz und Metzger in ihrer Kommentierung zum Tierschutzgesetz, § 1 Rz 62 – ist ein Grund, wenn er „als triftig, einsichtig und von einem schutzwürdigen Interesse getragen anzuerkennen ist und wenn er unter den konkreten Umständen schwerer wiegt als das Interesse des Tieres an seiner Unversehrtheit und seinem Wohlbefinden“. Weiter heißt es (a.a.O..):“ Der Grund, der das Verhalten des Handelnden oder Unterlassenden steuert, muss der Prüfung unter dem Gesichtspunkt der Vernünftigkeit standhalten. Dazu ist erforderlich, dass der Grund intersubjektiv vermittelbar ist. Schon deshalb genügt nicht jeder von einem Menschen benannte Vorteil oder eine Gefühlsregung. Es scheiden somit aus: Abneigung gegen ein Tier, die Absicht der Schadenszufügung, das Abreagieren einer seelischen Spannung oder eines Affekts, Bequemlichkeit, Verfolgungstrieb, Langeweile, Laune, böse Lust, Mutwille, Rache, Schießübung, Sensationshascherei, Überdruss an einem Tier, Unmut oder Übermut, Verärgerung, Widerwille gegen Tiere, Wut, Zerstörungssucht.“

Doch wie kann der Tierarzt eine sachlich richtige Entscheidung treffen, wenn das Gesetz keine konkreten Anhaltspunkte dafür liefert, welcher Umstand als der „vernünftige Grund“ angesehen werden könnte? Lediglich § 16a TSchG enthält – allerdings in einem anderen Zusammenhang - einen entscheidenden Ansatzpunkt, der für die Bestimmung des „vernünftigen Grundes“ von entscheidender Bedeutung ist:

Hat die für den Tierschutz zuständige Behörde (in der Regel ist diese das Veterinäramt) tierschutzwidrige Verhältnisse festgestellt, so kann sie (als letzte Möglichkeit) das Tier auf Kosten des Halters unter Vermeidung von Schmerzen töten lassen, wenn eine Veräußerung des Tieres aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht möglich ist oder „das Tier nach dem Urteil des beamteten Tierarztes nur unter nicht behebbaren erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden weiterleben kann“.

Einig ist man sich in der Literatur aber dahingehend, dass die Voraussetzungen, die an den vernünftigen Grund zu stellen sind, mit Blick auf § 1 Satz 1 TSchG („Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen“) eng gezogen werden müssen. Dies muss umso mehr aus dem Grunde gelten, dass dem Tierschutz durch eine Änderung des Grundgesetzes im Jahre 2002 Verfassungsrang eingeräumt worden ist (§ 20a GG: “Der Staat schützt auch in Verantwortung für die zukünftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung ...“).

2.2   Die Bestimmung des „vernünftigen Grundes“

Ergibt sich aus den vorstehenden Ausführungen, dass es auf keinen Fall möglich ist, „ohne wenn und aber“ dem Verlangen des Patientenbesitzers nach einer Euthanasie seines Tieres nachzugeben, so erscheint es mit Blick auf die Grundgedanken, die im Tierschutzgesetz zum Ausdruck kommen, empfehlenswert, ein Euthanasieverlangen regelmäßig mit folgenden Fragestellungen zu verbinden:

- Ist das Leiden des dem Tierarzt vorgestellten Tieres chronisch oder unheilbar und ggs. mit  ständig andauernden, nicht therapierbaren Schmerzen verbunden?
- Lässt der gegenwärtige Zustand auf eine hoffnungsvolle Prognose schließen?
- Besteht die Möglichkeit, dass das Tier (Stichwort: „gefährlicher Hund“) eine Gefahr für sich
oder für die Umwelt darstellt?

Doch zu berücksichtigen wäre vielleicht auch:

- Können wirtschaftliche/finanzielle Gesichtspunkte eine Rolle spielen?

Der praktizierende Tierarzt sollte sich indes stets vor Augen halten, dass es auch unter Berücksichtigung dieser Fragestellungen nicht möglich ist, eine allgemeingültige Empfehlung oder gar eine „Patentlösung“ aufzuzeigen, die alle denkbaren Situationen, in denen der Patientenbesitzer ein Euthanasieverlangen äußert, umfassen könnte.

Infolgedessen kann die Frage, ob ein Tier auf Veranlassung des Tierhalters eingeschläfert werden kann, stets nur fall- bzw. situationsweise beantwortet werden, ohne dass nachfolgend im Einzelnen auf juristische Streitfragen eingegangen werden soll. Gegenwärtig sollte sich aber der praktische Tierarzt des Umstandes sein, dass er generell Garant für das Tierwohl ist (im diesem Sinne auch Kluge, Kommentar zum Tierschutzgesetz, § 17, Rz 110a, unter Bezugnahme auf eine Entscheidung des OLG Frankfurt vom 31.12.2000). Dies ergibt sich unmissverständlich aus der Formulierung: „Der Tierarzt ist der berufene Schützer der Tiere“, die in § 1 der Berufsordnung der meisten Landestierärztekammern Eingang gefunden hat.

2.3  Das Euthanasieverlangen in den verschiedenen Situationen

In den nachfolgenden Ausführungen sollen die möglicherweise denkbaren Situationen aufgezeigt werden, in denen die praktizierende Tierärztin und der praktizierende Tierarzt einem Euthanasieverlangen ausgesetzt sein könnte, und einer Bewertung unterzogen werden.

2.3.1  Persönliche, rechtlich nicht anzuerkennende Motive

Bereits in den einleitenden Ausführungen wurde unter Bezugnahme auf das Zitat von Lorz und Metzger (a.a.O.., Rz 62) dargelegt, dass auf keinen Fall eine jede von dem Halter eines Tieres dargelegte Gefühlsregung oder ein von ihm benannter Vorteil zur Euthanasie seines Tieres ausreicht. Abneigung gegen ein Tier, Bequemlichkeit, Überdruss an einem Tier, Verärgerung und andere Motive können daher auf keinen Fall den erforderlichen „vernünftigen Grund“ darstellen. Ebenfalls nicht als „vernünftiger Grund“ anzuerkennen sind das Auftreten rasseunerwünschter Merkmale oder das Nichterreichen gewünschter oder erwarteter Leistungsmerkmale im Bereich der Rassezüchtungen. Wer sich in einer solchen Situation auf einen Euthanasieverlangen einlässt, wird sich in aller Regel nach § 17 Ziffer 1 TSchG strafbar machen, es sei denn, es gibt noch andere Umstände, die einen vernünftigen Grund darstellen können.

2.3.2 Verhinderung weiterer nicht behebbarer erheblicher Schmerzen,
     Leiden oder Schäden

  • 16a TSchG sieht die Möglichkeit vor, ein Tier, das infolge tierschutzwidriger Verhältnisse, die durch seinen Halter zu verantworten sind, sicher gestellt worden ist, schmerzlos töten zu lassen, wenn es nach dem Urteil des (in diesem Falle: beamteten) Tierarztes nur unter nicht behebbaren erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden weiterleben kann. Konsequenterweise muss die Möglichkeit zur Euthanasie auch in der Situation gegeben sein, in der dem praktizierenden Tierarzt ein leidendes Tier vorgestellt wird, dessen Schmerzen nicht behebbar sind und das nur unter Leiden oder mit Schäden weiter leben könnte. Es ist sicherlich diejenige Situation, in der der praktizierende Tierarzt dem Euthanasieverlangen des Tierhalters am leichtesten wird nachkommen können. Unerlässlich ist es aber, dass der Gesundheitszustand durch den Tierarzt selbst untersucht und durch diesen auch selbst eine Prognose über eventuelle Genesungsmöglichkeiten angestellt wird; allein die Aussage des Tierhalters ist nicht ausreichend.

2.3.3  Gefährlichkeit des Tieres „mit amtlicher Feststellung“

Tiere, u.a. bestimmte Hunderassen, können aufgrund eines ihnen angezüchteten Aggressionspotentials für Menschen und für andere Tiere zu einer erheblichen Gefahr werden. Ohne dass an dieser Stelle auch nur ansatzweise auf die Problematik um den „gefährlichen Hund“ (mancherorts auch „Kampfhund“ genannt) eingegangen werden könnte, lassen sich folgende Grundsätze aufstellen:

Liegt eine wirksame Tötungsanordnung der zuständigen Behörde vor (z.B. aus dem Grunde, dass der nach Landesrecht erforderliche Wesenstest nicht bestanden worden ist), so ist der im Sinne des Tierschutzgesetzes erforderliche „vernünftige Grund“ gegeben, der eine Euthanasie des Tieres rechtfertigt. Dies gilt unabhängig davon, ob das Tier durch die Behörde beschlagnahmt worden ist und dem Tierarzt das Tier von einem Behördenvertreter vorgestellt wird, oder aber es der Halter des Tieres selbst ist, der mit einer entsprechenden Anordnung eine Euthanasie veranlassen will. Im zuletzt genannten Falle erscheint es allerdings ratsam, mit dem Tierhalter abzuklären, ob die Tötungsanordnung auch tatsächlich bestandskräftig ist, woran es z.B. dann fehlen könnte, wenn der Tierhalter zuvor Widerspruch gegen die Anordnung eingelegt oder er sich sonstiger Rechtsbehelfsmöglichkeiten bedient hatte.

2.3.4  Gefährlichkeit des Tieres „ohne amtliche Feststellung“

Ungleich größeren Schwierigkeiten wird der praktizierende Tierarzt in der Situation ausgesetzt sein, in der dem Euthanasieverlangen des Tierhalters nicht eine offizielle Bescheinigung über die Gefährlichkeit des Tieres zugrunde liegt, sondern ausschließlich ein diesbezüglicher Hinweis des Klienten. So stellt leider die Situation keinen Einzelfall dar, in der der Tierhalter von Beißattacken oder sonstigen Vorfällen berichtet, in denen es zu Verletzungen von Familienangehörigen, Bekannten, Passanten oder der eigenen Person, ggf. aber auch von anderen Tieren, gekommen ist. Fraglich erscheint, ob in einer derartigen Situation eine Euthanasie ohne Vorliegen weiterer Erkenntnisse, also allein gestützt auf die Informationen des Tierhalters, durchgeführt werden kann. Diese Frage wird mit Blick auf den grundgesetzlichen Schutz des Tieres (s. oben) und auf das berufsrechtliche Gebot zur gewissenhaften Berufsausübung mit „nein“ zu beantworten sein. Wenn letzteres es in Bezug auf die Durchführung einer Behandlung oder Operation gebietet, eine sorgfältige Diagnose unter Ausschöpfung der gegebenen Möglichkeiten zu stellen und die Behandlungsalternativen ebenso sorgfältig miteinander abzuwägen, so bedeutet dies im Rahmen eines Euthanasieverlangens in der beschriebenen Situation, dass der praktizierende Tierarzt verpflichtet ist, nach Möglichkeit eigene Untersuchungen über die Gefährlichkeit des vorgestellten Tieres durchzuführen bzw. sich ein eigenes Bild über die tatsächliche Gefährlichkeit des Tieres zu machen. Dies kann etwa unter Zugrundelegung bereits gemachter Erfahrungen im Rahmen vorangegangener Konsultationen, sofern solche in der Vergangenheit bereits stattgefunden haben, erfolgen. Ebenso erscheint es empfehlenswert, den Tierhalter auf die Erforderlichkeit der Durchführung eines Wesenstest zu verweisen (wobei dieser von dem Wesenstest im Sinne der oben erwähnten landesrechtlichen Bestimmungen grundlegend zu unterscheiden ist), um die Euthanasie vom Ergebnis eines solchen Tests abhängig zu machen.

Eine andere Alternative wird sicherlich immer darin bestehen, den Tierhalter an das zuständige Veterinäramt zu verweisen: Die Frage, ob ein „vernünftiger Grund“ vorliegt, ist nach den Regelungen des Tierschutzgesetzes zu beurteilen, mithin nach den Bestimmungen auf einem Gebiet, das in die Zuständigkeit der amtlichen Veterinärverwaltung fällt. Als sicher wird aber auch hier gelten können, dass sich die Veterinär-Verantwortlichen bei dieser Frage nicht allein auf die einschlägigen Angaben des Tierhalters verlassen werden.

2.3.5  Finanzielle und wirtschaftliche Beweggründe des Tierhalters

Es sind aber oft als auch finanzielle Überlegungen, die den Tierhalter zu der Äußerung eines Euthanasieverlangens veranlassen. In einer solchen Situation wird dem praktizierenden Tierarzt unzweifelhaft das höchste Maß an Differenzierungsvermögen abverlangt. Keinesfalls darf dem Verlangen allein aus dem Grunde nachgekommen werden, dass dem Tierhalter eine Operation oder sonstige Behandlungsmaßnahme zu teuer erscheint, dies ergibt sich bereits aus den Ausführungen, wie sie oben unter 2.3.1 dargestellt worden sind.

Berücksichtigungsbedürftig sind aber folgende Umstände: Alter und Gesundheitszustand des Tieres, insbesondere die Erfolgsaussichten der geplanten Maßnahmen. Es lässt sich folgender Grundsatz aufstellen: Je geringer die Erfolgsaussichten z.B. einer Operation erscheinen und je höher das Alters des Tieres ist, desto höher ist das Interesse des Tierhalters an der Ablehnung einer kostenintensiven tierärztlichen Maßnahme anzuerkennen. Eine genaue Grenze dahingehend, wie hoch z.B. die Erfolgsaussichten einzuschätzen sind, oder aber welche Kosten in Euro und Cent der Tierhalter bereit sein muss zu zahlen, existiert indes nicht; mit dieser Fragestellung haben sich die Rechtsprechung und die einschlägige Literatur bislang nicht befasst.

Allerdings existiert eine richtungweisende Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH): In seinem Urteil vom 19.01.1982 (Az: VI ZR 281/79) hatte es der BGH mit einem Fall zu tun, in dem einer tierärztlichen Klinik ein Reitpferd übergeben worden war. Bereits zuvor war es mehrere Wochen lang einer Antibiotikatherapie unterzogen worden. Wenige Tage nach der Einlieferung trat am linken Vorderbein eine Infektion auf, woraufhin sich Tags darauf eine Kolik entwickelte, die sich trotz verschiedener Behandlungsversuche des beklagten Tierarztes verschlimmerte. Wiederum zwei Tage später führte der beklagte Tierarzt eine Nottötung des Tieres durch, in dem er es einschläferte, ohne dass es ihm zuvor gelungen war, den Halter des Pferdes zu erreichen und zu informieren. Der BGH stellte folgende Leitsätze in seiner Entscheidung auf: „Ein Tierarzt, dem ein Tier zur stationären Behandlung übergeben worden ist, ist berechtigt und verpflichtet, das Tier zu töten, wenn weitere Behandlungsmaßnahmen keinen Erfolg versprechen und dem Tier längere Qualen erspart werden sollen. Unberührt davon bleibt die Verpflichtung des Tierarztes, nach Möglichkeit vorher seinen Auftraggeber von neuen Krankheitsentwicklungen bei dem Tier zu verständigen und ihn über weitere Maßnahmen zu beraten.“

Zwei wichtige Erkenntnisse sind aus dieser Entscheidung zu gewinnen:

Auch wenn sich der BGH im Einzelnen nicht – wie es eigentlich wünschenswert und auch geboten gewesen wäre - mit den konkreten tierschutzrechtlichen Gesichtspunkten auseinandergesetzt hatte, so kann doch seiner Auffassung nach eine Euthanasie geboten sein, wenn weitere Behandlungsmaßnahmen aus der Sicht des Tierarztes nicht zu dem erhofften Erfolg führen können und dem Tier längere Qualen erspart werden sollen. Darüber hinaus steht fest, dass der Tierarzt – im Gegensatz zum Humanmediziner – auch finanzielle Gesichtspunkte des Auftraggebers zu berücksichtigen hat.

Nur abschließend und am Rande soll erwähnt werden, dass in Situationen, in denen die prekäre finanzielle Lage des Tierhalters bekannt ist bzw. dem Tierarzt nachgewiesen wird, unter den Voraussetzungen § 4 Abs. 1 GOT von der Möglichkeit Gebrauch gemacht werden kann, eine Gebührenvereinbarung zu treffen, die sich unterhalb des Einfachsatzes bewegt.

2.3.6 Nicht vermittelbare Tiere

Es sind aber auch Tierschutzvereine als Betreiber von Tierheimen, die mit einem Euthanasieverlangen an den Tierarzt herantreten. Lediglich wirtschaftliche Interessen rechtfertigen auch hier die Tötung eines nicht zu vermittelnden Tieres nicht (so zutreffend Kluge a.a.O., § 17 Rz. 184, unter Bezugnahme auf eine Urteil des Bundesverfassungsgerichts (Entscheidungssammlung Nr.101, S.1ff.).

Ob die Tötung eines Tieres allein wegen nicht möglicher Weitervermittlung (und dadurch eintretender Reduzierung der Aufnahmekapazität) einen vernünftigen Grund darstellt, wird in der einschlägigen Literatur gegensätzlich beantwortet. Es wird einerseits die Auffassung vertreten, dass diesem Problem anders begegnet werden könne und auch müsse und eine möglicherweise deswegen erfolgende rechtswidrige Tötung des abgewiesenen Tieres eine konkrete Tötungshandlung nicht rechtfertigen kann (Kluge a.a.O., § 17 Rz 173). Andere Stimmen in der Literatur (Lorz/Metzger a.a.O., § 1 Anhang Rz 74) vertreten unter Bezugnahme auf ein Urteil des OLG Karlsruhe vom 13. 01.1978 (Az 10 U 52/77) die Auffassung, dass eine Tötung möglich sein muss, wenn ein Tier nicht mehr länger verwahrt und auch nicht anderweitig untergebracht werden kann. Mit Blick auf die verfassungsrechtliche Verankerung des Tierschutzes im Grundgesetz dürfte der zuerst genannten Auffassung der Vorzug zu geben, mithin die Zulässigkeit einer Euthanasie bei drohender Überbelegung des Tierheims zu verneinen sein.

2.4 Verpflichtung des Tierarztes zur Durchführung einer Euthanasie gegen den Willen des Halters?

Zum Abschluss der vorstehenden Ausführungen soll kurz auf eine Sondersituation eingegangen werden, die hin und wieder auch in einer tierärztlichen Praxis auftreten kann: Aus der Diagnosestellung des Tierarztes ergibt sich, das dass ihm vorgestellte Tier unheilbar – etwa an einem bösartigen Tumor – erkrankt ist, unter dieser Erkrankung sehr leidet und die Erfolgsaussichten einer Operation negativ einzuschätzen sind. Trotz eindringlicher Appelle des Tierarztes erklärt sich der Halter des Tieres nicht dazu bereit, eine in diesem Falle gebotene Euthanasie durchzuführen – ist in einer solchen Situation der Tierarzt berechtigt oder gar verpflichtet, eine Euthanasie gegen den Willen des Halters durchzuführen?

Diese Frage wird mit „nein“ zu beantworten sein, da eine strafrechtlich sanktionierte Pflicht des Tierarztes (etwa wegen des Tatbestandes der „unterlassenen Hilfeleistung“) nicht begründet werden kann. Zu recht führt Kluge (a.a.O., § 17 Rz 109) aus: Würde man den Tierarzt verpflichten, das unrettbar kranke und leidende Tier auch gegen den Willen des sich dann ebenfalls strafbar machenden Tierhalters zu töten, könnte dies im Extremfall dazu führen, dass der Halter mit seinem kranken Tier den Tierarzt überhaupt nicht aufsucht, um dies zu verhindern. Die Entscheidung, das Tier einzuschläfern, kann nur der Halter treffen. Dieser Auffassung ist schon aus dem Grunde zuzustimmen, dass der Halter eines Tieres aufgrund der Eigentümerstellung, die er regelmäßig inne haben wird, das ausschließliche Recht hat, über sein Tier zu verfügen. Diese Verfügungsgewalt kann ihm nicht durch eine eigenmächtige, wenn auch im Sinne des Tierschutzgesetzes liegende Handlung genommen werden. Denkbar wäre aber in einer solchen Situation die Erstattung einer Anzeige beim zuständigen Veterinäramt, da das Verhalten des Tierhalters eine Tierquälerei (begangen durch Unterlassen) im Sinne von § 17 Ziff. 2 bzw. § 18 Abs. 1 TSchG darstellen kann. Ein Verstoß gegen die dem Tierarzt sowohl straf- als auch berufsrechtlich auferlegte Verschwiegenheitspflicht ist bei der Erstattung einer Strafanzeige nicht gegeben, da eine Preisgabe dieser Informationen – selbst wenn diese tatsächlich von der Verschwiegenheitspflicht umfasst sein sollten, was mit durchaus guten Argumenten verneint werden könnte – zumindest durch einen Rechtfertigungs- oder Entschuldigungsgrund gerechtfertigt bzw. entschuldigt sein wird.

2.5 Euthanasie nur durch den Tierarzt!

Nur der Vollständigkeit halber soll darauf hingewiesen werden, dass nach § 4 TSchG ein Wirbeltier grundsätzlich nur unter Betäubung getötet werden darf. Diese Festlegung hat in Verbindung mit § 5 Abs.1 S.2 TSchG („Die Betäubung warmblütiger Wirbeltiere … ist von einem Tierarzt vorzunehmen“) zur Folge, dass eine Euthanasie nur von einer praktizierenden Tierärztin oder einem praktizierenden Tierarzt, nicht aber z.B. von einem „Tierheilpraktiker“, durchgeführt werden darf.

2.6  Wohin mit euthanasierten Haus- oder Heimtieren?

Mit dem Euthanasieverlangen ist in vielen Fällen auch die Frage des Tierhalters verbunden, was mit dem euthanasierten Tier geschehen wird bzw. geschehen kann. Unter der Geltung des Tierkörperbeseitigungsgesetzes konnte dem Tierhalter in einer solchen Situation zumindest ein positiver Gesichtspunkt aufgezeigt werden: Zwar musste das euthanasierte Tier grundsätzlich einer Tierkörperbeseitigungsanstalt zugeführt werden, doch sah § 5 des Tierkörperbeseitigungsgesetzes eine Möglichkeit vor, die zwar als Ausnahmefall gedacht war, in den meisten Fällen aber zur Regel gemacht werden konnte: Bestimmte Tierkörper – wie die von Hunden, Katzen und Kaninchen – konnten auch auf dem eigenen Grundstück des Tierhalters vergraben werden, wenn sie mit einer mindestens 50 cm starken Erdschicht bedeckt wurden und sich das Grundstück nicht in einem Wasserschutzgebiete befand.

Eine solche Möglichkeit war seit Inkrafttreten des „Tierische Nebenprodukte – Beseitigungsgesetzes“ im Januar 2004 vorübergehend nicht mehr gegeben: Unter Verweisung auf Art.4 Abs.2 der EU-Verordnung 1774/2002 legte das Gesetz fest, dass Tierkörper grundsätzlich einer Entsorgung durch eine zugelassene Institution zuzuführen seien. Ein Vergraben auf dem eigenen Grundstück sollte nach Artikel 24 dieser Verordnung nur dann möglich sein, wenn die zuständige Behörde hierzu eine Zustimmung erteilen würde. Einschlägige Ausführungsbestimmungen wurden – wie von vielen Seiten erhofft – indes nicht erlassen.

Ende Juli 2006 trat sodann mit erheblicher Verzögerung die „Tierische Nebenprodukte-Beseitigungsverordnung“ in Kraft, die die einschlägige Regelung in der o.g. EU-Verordnung teilweise für gegenstandslos erklärte, wenn es um die Entsorgung von „einzelnen Körpern von Heimtieren“ geht: Ein Vergraben des Tierkörpers auf dem Grundstück des Tierhalters wurde wieder ermöglicht, wenn es sich nicht in einem Wasserschutzgebiet und nicht in unmittelbarer Nähe öffentlicher Wege und Plätze befindet. Voraussetzung ist ferner, dass der Tierkörper mit einer ausreichenden, mindestens 50 cm starken Erdschicht, gemessen vom Rand der Grube, bedeckt ist. Ein Hinweis des Tierarztes in diese Richtung dürfte so manchen Tierhalter in dieser für ihn so schmerzvollen Situation zumindest ein wenig trösten können.

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Kategorie⇨ Innere Medizin
Hauptautor(en)Redaktion schaefermueller publ.
Redaktionelle BearbeitungRedaktion schaefermueller publ.
Zuletzt bearbeitet2019-11-26 12:59:59 von Redaktion schaefermueller publ.
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